Mit der Geschichte von Jim Knopf hat Michael Ende Generationen von Kindern begeistert. Das kleine dunkelhäutige Findelkind erlebt auf der Suche nach seiner Herkunft gemeinsam mit seinem Freund Lukas dem Lokomotivführer aufregende Abenteuer. Doch Jim Knopf ist keine reine Phantasiegestalt, sagt Julia Voss, Kunsthistorikerin und Darwin-Expertin: „Jim Knopf geht zurück auf eine historische Figur, nämlich Jemmy Button. Das ist ein feuerländisches Kind gewesen, was auf der Weltreise von Charles Darwin wieder mit zurück nach Feuerland gebracht wurde (…) – und dieses Kind trug den Namen Jemmy Button, was direkt übersetzt auf Deutsch heißt: Jim Knopf.“
Ein Ureinwohner namens Orundellico
Jemmy Button war einer von vier Ureinwohnern, die der Kapitän der Beagle, Robert Fitzroy, im Jahr 1830 nach England verschleppt hatte. Weil der Kapitän ihn mit einem Perlmuttknopf bezahlte, nannten die Matrosen den kleinen Feuerländer, der eigentlich Orundellico hieß, Jemmy Button. Fitzroys Plan war: Die sogenannten Wilden sollten in England erzogen, und dann in ihre Heimat zurückgebracht werden, um dort als Missionare zu wirken. Charles Darwin lernt den frisch erzogenen Jemmy Button im Dezember 1831 an Bord der Beagle kennen.
Der Buchautor Jürgen Neffe berichtet „Jemmy Button war ein gelackter junger Mann, der immer seine Schuhe nachgeputzt hat und sich Pomade ins Haar schmierte.“
Buchautor Jürgen Neffe war monatelang unterwegs auf der Route der Beagle und den Spuren Darwins. In seiner Reisebiografie erzählt der Biologe auch die Geschichte des kleinen Jemmy. Das menschliche Experiment endet im Desaster. Button findet sich in der alten Heimat nicht mehr zurecht. Als Erwachsener ist er am Mord an acht anglikanischen Missionaren beteiligt. „Wären Jemmy und seine Kollegen als Babys nach England gebracht worden, dann wären da wahrscheinlich ziemlich normale Engländer draus geworden“, meint Neffe. „Da hätte eigentlich Darwin die Idee kommen müssen, wie wenig angeboren ist.“
Michael Endes Interpretation
Genau diese folgenschwere Fehleinschätzung Darwins macht Michael Ende zum Thema, sagt Julia Voss. Er erzählt er die traurige Geschichte von Jemmy Button neu und anders: Der kleine Jim kommt eines Tages per Postpaket auf der Insel Lummerland an. Mit Lummerland hat Michael Ende ein Miniaturmodell vom England des 19. Jahrhunderts entworfen – mit Eisenbahn, Industrie, Handel und einem König. „Und dieser König trägt als Hinweis, dass es sich um das britische Königreich handelt, schottisch karierte Pantoffeln“, meint Julia Voss. „Es gibt noch einen anderen Einwohner, Herrn Ärmel. Der trägt Melone und Regenschirm; er ist der prototypische Engländer, wie wir ihn aus Kinderbüchern kennen.“
In diesem englischen Lummerland ist niemand daran interessiert, den kleinen Fremdling umzuerziehen. „Diesmal trifft Jim Knopf auf eine sehr liebevolle Gesellschaft, die sich um ihn kümmert, die daran interessiert ist, mit ihm das Geheimnis seiner Herkunft herauszufinden und mit ihm dann um die Welt fährt – das heißt, dieses Kind wird noch mal nach England geschickt und bekommt von Michael Ende ein neues Leben geschenkt.“
Der 1995 verstorbene Autor hat sich selbst nie zur Verwandtschaft zwischen Jim und Jemmy geäußert. Doch Roman Hocke, langjähriger Lektor und Freund von Michael Ende, hält die Erklärung für ziemlich plausibel: „Das ist wirklich sehr frappierend und überzeugend, wie sie das aufdeckt haben. Und im nachhinein fällt es einem wirklich wie Schuppen vor den Augen durch diese Analyse.“
Kummerland – Parallele zum nationalsozialistischen Deutschland
Seine abenteuerliche Fahrt führt Jim Knopf nach Kummerland, eine totalitäre Stadt mit rassistischem Regime – nur reinrassige Drachen dürfen sie betreten. Parallelen zum nationalsozialistischen Deutschland sind offenkundig. Für den Rassenwahn des Dritten Reiches war in Michael Endes persönlicher historischer Sichtweise der Darwinismus mitverantwortlich.
Dass in Jim Knopf viel mehr steckt als nur eine phantastische Geschichte, blieb verborgen, weil es ein Kinderbuch ist, glaubt Roman Hocke: „Er sagte mir immer – nur das sagte er sehr oft – dass die Leute eigentlich nur die Oberfläche von Jim Knopf sehen, und gar nicht richtig erkennen, was da alles hineingeraten ist während der Arbeit.“