Kein Sparring für Marlene Dietrich

Kultur

Süddeutsche Zeitung; 28.09.2005 , Seite 16

Kein Sparring für Marlene Dietrich

Buchkritik
Dichte Beschreibung mit Leerstellen: David Pfeifer über Max Schmeling, der heute 100 Jahre alt geworden wäre
Boxen war hip in den späten zwanziger Jahren. Nicht nur bei den Figuren der Demimonde, Zuhältern, Schiebern, den echten Kerlen. Es war die Bohème, die den rohen Sport für sich entdeckte. Kunstsammler, Schriftsteller, Musiker waren elektrisiert von der neuartigen Liaison aus Archaischem und Show. Was verführte sie? Neigte das „Feinste, müd‘ seiner selbst“ tatsächlich dazu, „trunken ins Wilde zurückzusinken“ (Thomas Mann)? Die Antwort könnte komplizierter sein. Sie liegt im Habitus des Boxers. Er ist ganz Körper – aber er ist nicht wild und ausufernd, sondern ein Produkt der Moderne: trainiert, definiert, mit deutlichen Grenzen zwischen innen und außen. Sein Code: Freund oder Feind, Sieg oder Niederlage, Ja oder Nein.
Der Boxer muss klare Konturen haben, nichts darf fließen. Falls doch, ist es das Blut, das ihm, in die Augen laufend, die Schärfe des Blicks raubt. Zerfließt er selber mit seiner Umwelt, heißt das: Er hat verloren. Durch den Nebel der Ohnmacht hört er vom Ringboden aus die letzten Zahlen des Ringrichters, die ihm gelten. Der Boxer ist ganz und gar identisch. Es war die Sehnsucht der Feinsinningen, der Fragilen, der Nichtidentischen, der Ausufernden, der Zerrissenen, die in ihm etwas Unerreichbares imaginierten. Dazu kam der Zeitgeist: Rasante Umbrüche, gepaart mit sozialer Unsicherheit und schnell wachsender Komplexität, machen süchtig nach Identität.
Schließlich erschien die Inkarnation dieser Sehnsucht in der Person eines jungen Boxers: Max Schmeling. Er war kein dumpfer Schläger, wirkte außerhalb des Rings sanft, ja unbeholfen, wie ein großer, starker Junge. Ihm konnten sich Männer wie Bert Brecht, George Grosz, Alfred Flechtheim und andere nähern, ohne sich dabei zu verlieren. Genauso faszinierte das Boxen die Faschisten; sie sahen darin die Rettung vor ihrem größten Horror: Widersprüchliches anzunehmen und auszuhalten. Nicht umsonst waren Adolf Hitler und Joseph Goebbels Boxfans: Sie glaubten, in dem Männersport das ureigenste Prinzip des Faschismus zu erkennen.
Doch der Faustkampf wurde populär, bevor die Nazis kamen – und mit ihm Max Schmeling. In seiner neuen Biografie schildert David Pfeiffer den Aufstieg des späteren Weltmeisters vom entlaufenen Buchhalterlehrling, der auf dem Jahrmarkt Hufeisen verbog und Nägel mit der Hand in ein Brett drückte, bis zum Megastar und lebenden Denkmal einer ganzen Nation. Es ist Pfeifers Stärke, eine dichte Beschreibung der sich entwickelnden Welt des Berufsboxens in Deutschland zu geben, den Schritt zu schildern von verrauchten Kirmeszelten, wo Männer aufeinander einprügelten, und Arbeiter ihnen für kleines Geld zusahen, hin zum Glamour eines ausverkauften Berliner Sportpalasts, wo 8000 Zuschauer auf den Stühlen standen, als Schmeling am 6. Januar 1928 Michele Bonaglia, Mussolinis Lieblingsboxer, in der ersten Runde k. o. schlug.
In diesem Klima entstand jene einzigartige Melange aus Künstlern und Profischlägern; die Boxer, die aus den Jahrmarktbuden und Varietés kamen, fühlten sich der Bohème verwandt. Place to be für die Szene war das „Studio für Boxen und Leibeszucht“ in Berlin, geführt von Sabri Mahir, der sich als „der schreckliche Türke“ vom Zirkus Busch zu einem EM-Kampf hochgeboxt hatte: „Im Erdgeschoss gab es einen Hochring, wo allen voran der riesige Schwergewichtler Franz Diener seine Kampfkunst verfeinerte. Im Ring fanden auch Lesungen statt, Gesangsvorführungen und Schauspielaufführungen. Mahir lockte zu diesen ,Teestunden am Ring‘ die Kunst in seine Boxbude.“ Die Künstler kamen und blieben, fingen an, neben den Profis zu trainieren. Marlene Dietrich, Leni Riefenstahl und Carola Neher steppten vor den Sandsäcken. „Marlene Dietrich becircte Mahir, sie Sparring machen zu lassen, aber der blieb hart: Ich werde nicht zulassen, dass Sie sich Ihr schönes Gesicht zerschlagen.“
Pfeifers Erzählung gelingen intensive Szenen; dazu zählen auch die Reportagen über die beiden Kämpfe gegen Joe Louis – die Urerzählungen des Schmeling-Mythos. Auf diese hat Pfeifer, selber mit aktiver Ring-Erfahrung ausgestattet, große Energie verwendet. (Hierzu sind gerade auch Parallelen zu Jan Philip Reemtsmas Studie über Muhammad Ali erschienen; aber wo dieser gleichsam durch die gespreizten Finger auf den poetischen Stil Alis späht, beschreibt jener die Kämpfe unmittelbarer, in streckenweise martialischem Jargon. Was Pfeifer abgeht, ist die Abstraktionshöhe, mit der Reemtsma anhand einer allegorischen Deutung der „Rocky“-Filme den symbolischen Subtext freilegt, der das Phänomen Ali erst ausmacht.
Schmelings Habitus war der des sauberen, ehrlichen Jungen, der, weiß und zivilisiert, zur Physis zurückkehrte, sich der archaischen Situation aussetzte, obwohl er dies nicht musste. Seine Mittel waren modern: Disziplin, Fitness, Kälte, Exaktheit, Effizienz. Mit seiner Rechten konnte er Denksysteme einreißen. Die Botschaft eines Boxkampfes bleibt immer dieselbe: Egal, wer den Kampf gewinnt, immer ist es ein Sieg der Physis. Damit wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren der längst in den Schlammtrichtern von Verdun und angesichts der Massenheere der Arbeitslosen liquidierte Glaube gerettet, dass der Mensch in seiner Körperlichkeit ein relevantes Individuum sei, dass es nicht die sinistren Mächte der technischen, sozialen, wirtschaftlichen, zivilisierten, kulturellen Welt sind, denen das Ich ausgeliefert ist, sondern dass umgekehrt die starke Hand eines Mannes den Gang der Geschichte zu bestimmen vermag.
Die sportliche Karriere Schmelings war spätestens 1945 zu Ende. Von 1933 an war er, ohne Nazi zu sein, auch der Boxer der Nazis. Nach dem Krieg gab er nur noch den Darsteller des Ex-Champions. Das Publikum machte ihn durch eine zweite „Rühmannisierung“ zum lebenden Denkmal. Schmeling, das war einer, den man immer noch gut finden durfte, obwohl man ihn in der Nazizeit schon gut gefunden hatte. Ein Mindestmaß an Kontinuität ist wichtig, um nicht verrückt zu werden. Darum wurde Schmeling zur beinahe religiös aufgeladenen Ikone.
David Pfeifer hat eine überzeugende Darstellung der frühen Karriere Schmelings abgeliefert, mit dichten Beschreibungen von Metier und Milieu. Aber es gibt Leerstellen. Vieles wird geschildert, aber nicht erklärt: Hatte Schmeling niemals Angst? Hat er Anny Ondra je geküsst? Hatten sie von Anfang an getrennte Betten? Wie hat er den Unfalltod seiner kleinen Schwester verarbeitet, die im Beiwagen der von ihm gesteuerten Harley starb? Max, wie er wirklich war – das bleibt auch nach den 337 Seiten ein Rätsel. Der sanft, fast tapsig wirkende Mann, der durchgängig als Gentleman beschrieben wird, der alles andere als ein Schlägertyp war, der nie einen Tropfen Alkohol trank, hinterlässt das Bild eines seltsam körperlosen, klinisch reinen, ja aseptischen Menschen. Er wirkt fast gespenstisch.
DAVID PFEIFER: Max Schmeling. Berufsboxer, Propagandafigur, Unternehmer. Die Geschichte eines deutschen Idols. Campus- Verlag, Frankfurt am Main 2005. 364 Seiten, 24,90 Euro.
Bildunterschrift: Max Schmeling in den frühen dreißiger Jahren bei Schießübungen – worin er sehr gut gewesen sein muss. Foto: Getty Images
Bildunterschrift: Am 22. Juni 1938 schlägt der damalige Weltmeister im Schwergewicht Joe Louis den Deutschen Max Schmeling im New Yorker Yankee Stadion nach nur 124 Sekunden k.o. In Amerika bejubelt man Schmelings Niederlage gegen den schwarzen Boxer als symbolischen Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Das Bild aus dem damaligen Programmheft für den Revanchekampf ist David Margolicks gerade erschienenem Buch „Max Schmeling und Joe Louis. Kampf der Giganten – Kampf der Systeme“ (Karl Blessing Verlag, München 2005, 528 Seiten, 23,90 Euro) entnommen. Bereits 1936 trafen sich Louis und Schmeling im Ring. Damals gelingt dem deutschen Europameister das Unfassbare: Er, auf den das New Yorker Publikum keinen Penny wettet, besiegt den neun Jahre jüngeren Louis, der als unbesiegbar gilt, in der zwölften Runde. Die beiden Schwergewichtskämpfe zwischen Joe Louis und Max Schmeling spiegelten so kurz vor dem drohenden Weltkrieg Ängste, Hassgefühle und Hoffnungen. Nach dem Krieg entwickelte sich zwischen Louis und Schmeling eine tiefe Freundschaft. SZ, 28.09.2005 , Seite 16