Abschied vom Darwinismus

Wissenschaft

In dieser Woche feiern wir den 200. Geburtstag des genialen Naturforschers Charles Darwin. Mit seiner Evolutionstheorie revolutionierte er ein Jahrtausende lang gültiges Weltbild. Darwin wurde verehrt und verteufelt. Bis heute leugnen sogenannte Kreationisten die Evolution. Sie halten den Schöpfungsbericht der Bibel für wahr. Aber auch innerhalb der seriösen Wissenschaft werden Kämpfe um Darwins Erbe mit religiöser Inbrunst ausgefochten.

Die Biologie steckt mitten in einer Revolution. Urheberin ist die Genforschung. Sie hat zwar Darwins Grundthese von der Evolution eindrucksvoll bestätigt: Alle Lebewesen sind durch einen gemeinsamen Stammbaum miteinander verbunden. Doch gleichzeitig liefert die neueste Genforschung immer mehr Indizien und handfeste Beweise, dass viele Hypothesen von Charles Darwin nicht mehr haltbar sind.
Doch wer daran rüttelt, begibt sich in Gefahr, sagt der Genforscher und Arzt, Professor Joachim Bauer: „Wir sind quasi in einer blockierten Situation. Nur weil wir Angst haben, wir werden in die Nähe dieses Schwachsinns von Kreationsmus und ‚Intelligent Design‘ gebracht, haben viele Kollegen nicht den Mut, darwinische Dogmen zu kritisieren und das ist fatal.“

Vor allem das Dogma von der reinen Zufälligkeit der Evolution sorgt für einen Glaubensstreit. Darwin vermutete vor 150 Jahren: Die Arten verändern sich von Generation zu Generation durch minimale, rein zufällige Mutationen. Die Natur wählt dann quasi als Züchterin die besten Exemplare aus. Doch diese naiv mechanistische Vorstellung gehört ins 19. Jahrhundert. Die neueste Genforschung zeigt: Es ist genau umgekehrt. Die Organismen reagieren auf Umwelteinflüsse. Sie können ihr eigenes Erbgut nach festen Regeln selbst umbauen.
Dabei spielen die Gene eine viel kleinere Rolle, als jahrzehntelang angenommen wurde, meint Professor Bauer: „Ein Gen alleine ist ein Nichts – es kann gar nichts.“
Entscheidend sind sogenannte genetische Werkzeuge. Sie werden vom Organismus eingesetzt, um Gene wie in einem Puzzle hin- und herzuschieben, sie zu kopieren, sie wie mit einem Lichtschalter an- und auszuschalten. Diese Werkzeuge stehen mit der Umwelt in Kontakt. Wenn von außen Gefahr droht, werden sie aktiv.

Die Evolution läuft nicht, wie Darwin sich das ausmalte, in immer gleich gemächlichem Tempo ab, wobei die Natur wie ein Züchter von Hunderassen oder wie ein Gärtner die Besten aussucht, sondern in Schüben. Arten vernichten nicht andere Arten durch Konkurrenz, wie Darwin glaubte.
Joachim Bauer: „Er dachte, die Dinosaurier seien den Säugetieren zum Opfer gefallen. Das ist völliger Unsinn. Wir wissen heute praktisch von keiner einzigen Art (…), die von einer anderen Art ausgelöscht worden ist. Wir wissen, dass der Artenuntergang, den wir in der Evolution hatten, nicht etwa der Selektion, so wie sie Darwin verstanden hat, sondern (…) wegen schwerer ökologischer Katastrophen erfolgt ist.“
Es gilt also, Abschied zu nehmen von vielen von Darwins Dogmen. Was für viele Forscher immer noch ein Tabu ist, obwohl das gar nicht im Sinn von Darwin gewesen wäre. Seine gesamte wissenschaftliche Existenz war davon bestimmt, dass dem Wissenschaftler nichts heilig sein darf.
Charles Darwin: Ich hatte (…) viele Jahre lang eine goldene Regel befolgt, nämlich, dass ich, sobald (…) mir eine neue Beobachtung oder ein Gedanke vorkam, der zu meinen allgemeinen Resultaten im Widerspruch stand, ohne Einschränkung und auf der Stelle mir eine Notiz davon machte.“
In diesem Sinn heißt es für die Biologie, Abschied vom Darwinismus zu nehmen und sich auf eine spannende Zukunft einzulassen, sagt Joachim Bauer: „Wir sind erst am Anfang. Wir stehen am Anfang quasi einer völlig neuen Epoche der Biologie.“

Beitrag anhören »»